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BERN 27.12.2011- GP zu "Orpheus in der Unterwelt", Opera-bouffon von Jaques Offenbach am Stadttheater Bern. Premiere: 29. Dezember 2011 (Annette Boutellier)

Orpheus in der Unterwelt

Das Stadttheater Bern läutet den Jahreswechsel mit Jacques Offenbachs Operette über den griechischen Mythos von Orpheus (Andries Cloete) und Eurydike (Anne-Florence Marbot) ein. Während im antiken Mythos der verliebte Orpheus seine verstorbene Frau verzweifelt zurückfordert, muss Offenbachs Orpheus von der personifizierten Öffentlichen Meinung (Claude Eichenberger) dazu genötigt werden, die beseitigte Gattin von den Göttern zurückzufordern. Dicht aufeinander folgen betrügerische Liebschaften, Betrug und Maskeraden auf Vergeltungsschläge – Menschen und Götter geraten aneinander.

In einer heruntergekommenen Wohnblocksiedlung (Bühne: Juliette Blondelle) beginnt der Tag des bürgerlichen Ehepaars Orpheus und Eurydike. Die beiden haben sich längst auseinandergelebt. Eurydike trifft sich mit Aristeus (Matthias Grätzel) und Orpheus mit seiner Geliebten. Eurydike schlägt Orpheus die Trennung vor, welche dieser aus Angst um seinen gesellschaftlichen Ruf als Musiker ausschlägt. Stattdessen will er die unliebsame Gattin beseitigen. Die beiden Eheleute ahnen nicht, dass der Gott der Unterwelt, Pluto, in der Gestalt von Aristeus die Fäden zieht und Eurydike in sein Reich entführt. Orpheus freut sich über den Tod seiner Frau, doch die Öffentliche Meinung zwingt ihn dazu, achtbar und moralisch zu handeln: Orpheus muss von Jupiter seine Frau zurückfordern. Die Götter des Olymp haben indessen ihren Glanz verloren. Die greisen Gottheiten, umsorgt vom Pflegepersonal, haben ihre Macht und Glaubwürdigkeit eingebüsst, was sie einander jedoch nicht eingestehen wollen. Als die eifersüchtige Juno (Fabienne Jost) von der Entführung einer schönen Sterblichen hört, stellt sie ihren Gatten zur Rede. Der Schürzenjäger Jupiter (Armand Arapian) ist diesmal jedoch nicht der Schuldige. Merkur (Tomi Kimmo Kuusisto) nennt Pluto als Entführer, weshalb dieser vor Jupiter erscheinen muss, jedoch vorerst glimpflich davon kommt, da eine Revolte der unzufriedenen und gegen Jupiter aufgebrachten Götter des Olymps von seiner Tat ablenkt. Da erscheint die Öffentliche Meinung mit Orpheus, der zähneknirschend um seine Gattin bittet. Jupiter will die Schöne selber holen und die sich nach Abwechslung sehnenden Götter des Olymp schliessen sich ihm an. Derweil langweilt sich Eurydike in der Unterwelt gewaltig. Ihr Bewacher, der einfältige und vergessliche Diener John Styx (Jan-Martin Mächler), geht ihr auf die Nerven und Pluto ist verschwunden. Jupiter spürt mithilfe von Cupido (Stephanie Ritz) die schöne Frau auf, muss sich ihr jedoch in Gestalt einer Fliege nähern. Er verspricht der über den hohen Besuch geschmeichelten Schönen Befreiung und hofft auf ein Liebesabenteuer. Auf dem höllischen Ball misslingt die Flucht, Pluto durchschaut die Maskerade. Mitten in dem Höllentrubel trifft die Öffentliche Meinung mit Orpheus ein. Orpheus muss seine Gattin wieder mitnehmen. Die einzige Bedingung ist, dass er sich nicht nach Eurydike umdrehen darf, was er dann doch tut – wie von den Göttern geplant. Weder Pluto noch Jupiter erhalten jedoch die treulose Schöne, die vom Göttervater zu einer Begleiterin des Gottes Bacchus erklärt wird.

Ebenso wie die Handlung vom Olymp bis hinunter in die Unterwelt reicht, umfasst Offenbachs Musik (musikalische Leitung: Dorian Keilhack) Höhen- und Tiefflüge. Bach- und Gluckzitate stehen neben dem galoppierenden Cancan, der bekanntesten Melodie dieser 1858 uraufgeführten und 1874 in erweiterter Fassung aufgeführten Operette. Die scheinbar gedankenlose Erheiterung, das Amüsement ohne Zurückhaltung, erhält aber einen düsteren Unterton. Der zu unterhaltenden Pariser Gesellschaft des Zweiten Kaiserreichs werden gefällige Melodien, Skandale und Anspielungen auf politische Ereignisse geboten, doch wird darin vor allem die Lachhaftigkeit des Publikums aufgezeigt. Offenbachs Zeitgenossen erkannten sich in den Verkleidungen wieder. Die von Jacques Offenbach eingeführte französische Opéra-bouffon verkleidet die traurige Wirklichkeit mit Scherz und Gelächter.

Offenbachs zweiaktige Operette transportiert jedoch nicht in erster Linie einen moralischen Gehalt. Vielmehr greift der Komponist das damals herrschende Dogma der sittlichen Funktion von Literatur und Theater an. Diese Funktion verkörpert die Öffentliche Meinung, welche die Figuren dazu zwingt, gegen ihren Willen zu handeln und zugunsten einer achtbaren Fassade das heuchlerische Doppelleben weiterzuführen. Offenbach und die Librettisten Hector Jonathan Crémieux und Ludovic Halévy personifizierten den antiken Chor in der Figur der Öffentlichen Meinung, vor der auch die verbürgerlichte Götterwelt erschaudert.

Die Berner Inszenierung (erstmals in Bern: Laura Scozzi) versäumt keine Möglichkeit, die bereits mit Kalauern gespickte Opéra-bouffon noch um zusätzlichen Klamauk zu erweitern. Die Aufführung kränkelt an einer Überreizung an komischen und teils unnötigen Effekten. Gelungen sind Bühnenbild und Kostüme (Jean-Jacques Delmotte), welche die satirische Spitze von Offenbachs Werk durch die realitätsnahe Umsetzung gekonnt gegen heutige gesellschaftliche Verhältnisse richtet. Musikalisch und stimmlich gelingt die Berner Inszenierung. Insbesondere die Stammbesetzung des Stadttheaters überzeugt. Mit der quirligen Anne-Florence Marbot ist Eurydike optimal besetzt, dasselbe gilt für Claude Eichenberger, welche selbstbewusst, souverän und charismatisch die Öffentliche Meinung geltend macht.

Sichtlich zufrieden und beschwingt verlässt das Berner Premierenpublikum die Vorstellung. Die Gespräche sind heiter und unbeschwert. Wer Zerstreuung und Klamauk sucht, kommt auf seine Kosten, wobei beim persiflierten Publikum mitunter einer schaler Nachgeschmack zurückbleibt.

Weitere Vorstellungen:
10.01.2012, 19:30
14.01.2012, 19:30
27.01.2012, 19:30
17.02.2012, 19:30
19.02.2012, 18:00
21.02.2012, 19:30
25.02.2012, 19:30
20.03.2012, 19:30
31.03.2012, 19:30
04.04.2012, 19:30
14.04.2012, 19:30
22.04.2012, 15:00

Judith Müller, 31.12.2011
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